Beziehungsstatus: Lohnt sich nicht!

Vintage photo of red heart balloon in the skyFernbeziehungen – früher dachte ich, wie soll das funktionieren? Man sieht sich kaum, redet kaum, versucht seine gesamte Beziehung auf ein paar Tage, die man sich im Monat sieht zu quetschen, um gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen zu schaffen. Und dann verbringt man noch so viel Zeit im Auto oder Zug. Ist das nicht stressig? Wie finanziert man die ganzen Besuche? Telefonieren alleine reicht doch nicht! Außerdem führt doch jeder irgendwie sein „eigenes“ Leben, hat in der neuen Umgebung, in der man studiert oder arbeitet, womöglich neue Freunde. Über was unterhält man sich? Im Grunde erzählt jeder von SEINEM Alltag, und SEINEN Erlebnissen. Fehlen da nicht die Gemeinsamkeiten oder sogar ein bisschen stinknormaler Alltag, der verbindet? Smalltalk allein kann doch keine Beziehung aufrecht erhalten! Beziehungsstatus: Lohnt sich nicht!

Wie so oft im Leben wird man eines besseren belehrt, sobald man sich selbst in der Situation wieder findet. Nach zwei Jahren Fernbeziehung, mit einer Distanz von ca. 400 km, kann ich sagen, dass es sich allemal lohnt, die vielen Strapazen, die einem in dieser Art von Beziehung begegnen, für jemanden der es durchaus wert ist, auf sich zu nehmen. Ich finde niemand kann ganz pauschal von sich behaupten, dass er kein Mensch für Fernbeziehungen ist, denn wenn man plötzlich vor der Entscheidung steht es zu versuchen, entscheidet zumeist nur das Bauchgefühl und die vielen Schmetterlinge. Und auf einmal befindet man sich in einer sehr ungewöhnlichen Situation, in der Kommunikation ALLES ist. Umstrukturieren ist angesagt. Man muss lernen, verstärkt über sich und seine Gefühle zu sprechen, zu sagen wie man sich manchmal fühlt, was einem fehlt und was man sich vom anderen wünscht. Man muss lernen, Verständnis aufzubringen, auch wenn man gerade keine Lust hat. Man muss bedingungslos vertrauen können und der Eifersucht keine Chance geben einen zu übermannen. Ebenso muss man sich ab und an auch beherrschen, um nicht immer wegen jeder Kleinigkeit, die es eigentlich nicht wert ist, auszurasten. Selbstreflexion kann helfen, sich selbst und seine Verhaltensweisen zu verstehen. Seien wir ehrlich, meistens stellen wir uns selbst ein Bein, aufgrund engstirnigem Denken und Handeln. Wenn man sich vor Augen hält, dass man nicht alleine in diesem Boot sitzt und der Partner denselben Gefühlen ausgesetzt ist, wie man selbst, ist man viel gelassener. So vermisst man sich eben und  hasst die Tatsache, dass man nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit zusammen sein kann, dass man nicht jederzeit miteinander sprechen kann und gerade niemand da ist, mit dem man seine Probleme teilen kann. Und im nächsten Moment freut man sich über jede Nachricht die auf dem Handy aufleuchtet und über jede noch so kleine Geste. Im Grunde versucht man wirklich seine gesamte Beziehung auf ein paar Tage im Monat zu quetschen, was sich aber schlimmer anhört als es in Wahrheit ist. Man nimmt sich bewusst Zeit nur für einander. Wie oft machen das Paare, die sich tagtäglich sehen? Auch nicht viel öfter, als ein paar Mal im Monat, schätze ich, wobei der Aspekt, dass man sich davor eine ganze Zeit lang vermisst hat, gar nicht vorhanden ist. Kann man sich dann überhaupt so sehr auf ein gemeinsames Essen freuen? Und worüber unterhält man sich, wenn man sowieso alles zusammen erlebt? 😉

Ich sage so eine Fernbeziehung, mit all den kleinen Stolpersteinen, die sie mit sich bringt,  hält die Liebe auf viele verschiedene Arten frisch. Kleine Gesten, die mit dem Alltag irgendwann selbstverständlich werden, sind bei jedem Wiedersehen eine Besonderheit. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist, obwohl man oft weit weg voneinander ist, ganz besonders stark, denn immerhin funktioniert diese Art von Beziehung nur durch gegenseitiges Bemühen umeinander und füreinander. Und was jetzt noch so ist, muss nicht ein Leben lang so sein. Umstände ändern sich irgendwann und bis es soweit ist, kann man Pläne für eine gemeinsame Zukunft schmieden und gemeinsame Träume und Ziele entwickeln. Aber vor allem sollte man sich nicht unter den negativen Aspekten begraben lassen, sondern auch die Vorteile betrachten. Die Zeit die man nicht zusammen verbringt, gehört einem ganz alleine. Es bleibt also viel Zeit für Studium, Karriere, die eigenen Hobbys, Freunde und Familie. Neben dem „Wir“ gibt es also noch ein „Ich“, nämlich ein kleines ganz unabhängiges Leben, bei dem es noch nicht um Kompromisse und gemeinsame Entscheidungen im Alltag geht, sondern einzig und allein Raum für eigene Interessen bleibt.