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So jung und schon erschöpft

Der folgende Blogbeitrag wurde von unserer Kooperationspartnerin Christine Werner geschrieben:

Als Klara die letzte Seite Ihrer Hausarbeit fertig getippt hatte, legte sie erschöpft ihren Kopf auf den Schreibtisch. Der Laptop war noch eingeschaltet als sie unruhig eindöste. Es war schon weit nach Mitternacht und morgen früh um 8 Uhr würde sie bereits auf dem Weg zur Statistikvorlesung sein. Ein sehr langer Unitag würde folgen.

Die 23jährige Studentin fühlt sich seit einem halben Jahr einfach nur müde und ständig erschöpft. In letzter Zeit bekommt sie schon am Nachmittag pochende Kopfschmerzen und es fällt ihr schwer einen klaren positiven Gedanken zu fassen. Die ermunternden Aufforderungen ihrer Freunde „mach mehr Sport“, „gönn Dir etwas Ruhe“ hatte sie mit einem müden Lächeln aufgenommen. Klara geht mit zum Volleyball jeden Mittwoch, obwohl ihr das eigentlich nie großen Spaß bereitet hat. Zudem treibt sie sich selbst immer wieder an, denn Alex, einer ihrer Kommilitonen, hat schließlich sogar noch einen Job neben dem Studium. Da will sie, die von ihren Eltern finanziell unterstützt wird, nicht klagen. Überhaupt müsse sie sich einfach nur zusammen reißen. Die anderen um sie herum schaffen es auch.

So wie Klara geht es vielenStudierenden. Sie setzen sich durch straffe Zeitpläne und vermeintlichen Erwartungshaltungen bspw. seitens der Eltern und der Gesellschaft so sehr unter Druck, dass sie gefangen scheinen in ihrer eigenen Welt, die keine Schwäche, kein Zugestehen von Erschöpfung zulässt und sie gleichzeitig immer wieder zu Höchstleistungen antreiben. Laut einer aktuellen Studie[1] tendieren rund 83% der Studierenden in Deutschland zur allgemeinen Überlastung und zur psychischen Erschöpfung. Die Gründe sind vielfältig: Straffe Unipläne, Arbeitgeber, deren Wunschkandidaten jung und gleichzeitig sehr viel Erfahrung neben einer großen Flexibilität mitbringen. Dazu Eltern, die für ihre Kinder das Beste wollen und sie ermuntern durchzuhalten, um in einer unsicheren Zeit wie heute einen Fuß in die Unternehmenstüren zu bekommen. Allein über die zahllosen Gründe ließe sich ein ganzes Buch schreiben.

Wichtiger als mit dem allgemeinen Strom zu schwimmen ist es, dass jeder Einzelne auf sich schaut und ein Gespür dafür entwickelt, wo seine Grenzen der Belastbarkeit liegen. Für mich war es vor zwei Jahren eine kleine Revolution als mir jemand einleuchtend erklärte, dass ein jeder von uns seinen eigenen Energielevel (auch Lebenskraft genannt) hat. Bis dato hatte ich angenommen, dass jeder Gleichaltrige genauso viel Energie zur Verfügung hat wie die anderen in seinem Alter. Tatsächlich ist es so, dass manche von Geburt an ein sehr hohes Energielevel mitbringen und manche mit weniger Energie ausgestattet sind. Natürlich nimmt die Energie mit den fortschreitenden Lebensjahren ab. Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass Menschen gleichen Alters automatisch das gleiche Energieniveau haben und folglich mit einem etwas nicht stimmte, wenn man selbst schneller erschöpft und gestresster ist war andere.

Unser Energielevel kann zudem sehr stark sinken, wenn wir unsere Energie nicht regelmäßig auftanken. Dann kommt es vermehrt zu Erschöpfungserscheinungen, körperlichen Beeinträchtigungen und negativen Gefühlen. Unser Körper gibt uns Signale, wie z. B. häufige Kopfschmerzen, Verspannungen bis hin zu schwerwiegenden Krankheiten, wenn wir unsere Energie regelmäßig überstrapazieren.

In meinen Augen ist es ein großer Fehler, wenn sogar Fachleute einen jungen Menschen mit Sätzen wie„ Das kann gar nicht sein, dass Sie so erschöpft sind, Sie sind viel zu jung.“ ermuntern wollen oder damit die Erschöpfung runterspielen. Dann wird allgemein zu mehr Erholung, Schlaf und Ruhe geraten, was meist kaum zu einer Verbesserung führt.

Energiefass

Ich möchte Sie mit Ihrem persönlichen Energiefass vertraut machen: Stellen Sie sich ein Fass vor, dass Ihre gesamte Energie bzw. Lebenskraft enthält.

Oben kommt alles rein, was Ihnen Energie bzw. Kraft gibt. Das sind neben Nahrung, Sauerstoff, ausreichend Schlaf und Licht auch Dinge, die Ihnen persönlich Kraft geben. Das kann bei dem Einen ein ausgedehnter Lauf durch den Wald sein, beim Anderen ist es das Zusammensein mit guten Freunden.

Es ist sehr interessant, wenn Sie sich einmal hinsetzen und ihr Energiefass aufmalen. Schreiben Sie in Ruhe auf, was ihnen persönlich Energie und Kraft gibt. Es sind meist die Kleinigkeiten, die im Zusammenspiel wirken. Eine Klientin beschrieb einmal, dass Ihr das bloße Betrachten von fließendem Wasser Entspannung bringt. All dies wird aufgeschrieben.

Weiter zum Energiefass: Unten läuft alles hinaus, was an Energie verbraucht wurde. Das sind ganz normale Grundfunktionen, wie das Verbrauchen von Sauerstoff, verbrachte Energie durch Bewegung und Denkprozesse. Dazu kommen negative Stressoren. Für den einen können das zeitlich, eng gelegte Klausurtermine sein, für den anderen sind diese gerade wichtig, um sich selbst anzuspornen. Ein weiterer negativer Stressor sind in jedem Fall negative Gedanken. Diese verbrauchen stets sehr viel Energie. Achten Sie also auf Ihre Gedanken, denn Ihre Gedanken werden schnell zu Ihren Taten. Wenn Sie sich wiederholend sagen, dass Sie Dinge nicht schaffen, egal wie sehr sie sich bemühen, dann wird dies in der Regel auch in Erfüllung gehen.

Ein wunderbarer Tipp, den ich aus einem Anti-Stressseminar mitgenommen habe, ist sich einmal zu überlegen, mit welchen Leuten Sie gerne zusammen sind und welche Ihnen dabei positive Energie schenken. Mit einigem Beschämen habe ich festgestellt, dass ich eine Handvoll Personen in meinem Bekannten- und Familienkreis habe, die mir regelmäßig Energie abziehen. Kennen Sie das? Sie sitzen zwei Stunden mit jemanden zusammen und danach fühlen Sie sich ausgelaugt und müde. Dann gibt es Leute, mit denen ist man drei, vier Stunden zusammen und danach fühlt man sich belebt und heiter. Es lohnt sich, das vor Augen zu führen. Das heißt nicht, dass der Kontakt zu einem langjährigen Freund abgebrochen wird und Sie die Person nicht mehr mögen. Es kann nur sehr entspannend sein, sich einzugestehen, dass seltenere Treffen für beide Parteien besser sind.

Wenn Sie sich die Dinge (und auch Personen) vor Augen führen, die Ihnen Energie abziehen und die ihnen Energie geben, werden Sie automatisch ein besseres Gefühl für sich und Ihren Energiehaushalt bekommen. Sie können auch selbst einschätzen, wie voll Ihr Energiefass gegenwärtig ist und wann es wichtig ist, sich zurückzuziehen und aufzutanken.

Bei denjenigen, die eine Burn-out-Phase erleben, ist das Energiefass bis auf die letzte Reserve fast aufgebraucht. Der Boden des Energiefasses lässt sich mit dem Reservetank im Auto vergleichen. Wenn Sie gesund sind und Ihre Energie ausbalanciert ist, dann ist immer genug Reserve da. Das ist die Energie, die Sie trotz schlafloser Nacht aufstehen lässt und Sie gut über den Tag bringt, mit dem Wissen, dass die Energie schnell wieder aufgefüllt ist. Bei Burn-out ist selbst diese Reserveenergie fast vollständig weg und es geht vermeintlich nichts mehr. Aus diesem Grund beschreiben Betroffene stets wie schwer oder gar unmöglich es ist, aus dem Bett zu kommen und einen klaren, positiven Gedanken (auch der braucht Energie) zu fassen. Es dauert bisweilen sehr lange, bis diese Reserveenergie wieder aufgebaut ist. Von daher: machen Sie sich bewusst, dass Sie mit ihrem Energielevel einzigartig sind, überlegen sie wie viel Energie Sie allgemein haben und pflegen Sie diese, indem sie sich selbst besser kennen lernen.

Klara hat sich zu einem späteren Zeitpunkt, als bei ihr offensichtlich „nichts mehr ging“ und sie Mühe hatte Ihren Alltag zu bewältigen, professionelle Unterstützung gesucht. In mehreren Gesprächen hat sie herausgefunden, dass sie sich in erster Linie selbst mit Übereifer und Angst vor der ungewissen Zukunft lange Zeit überfordert hat. Indem sie sich ihr eigenes Energiefass bewusst gemacht, negative Gedanken und Grundannahmen (Bsp. „Ich muss es schaffen.“) hinterfragt hat und besser weiß, wann ihre Belastungsgrenze erreicht ist, kann sie heute entspannter durch das Semester gehen. Klara achtet viel mehr darauf, wie es ihr gerade geht und was ihr wirklich gut tut.

Probieren Sie es aus: Wie schätzen Sie selbst Ihr Energielevel allgemein ein, wie hoch ist Ihr Energielevel gerade und was hilft, Ihr Energielevel im Gleichgewicht zu halten?! Ich wünsche Ihnen ein gutes Wintersemester 2012

Ihre Christine Werner


[1] Quelle: Mehr Burn-Out-Symptome bei Studenten. Zeit online. https://www.zeit.de/studium/uni-leben/2012-02/burnout-studenten (Bericht vom 27.02.12)

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