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Muskeln für’s Hirn

pixelio.de_Jetti Kuhlemann_Muskeln_fürs_Hirn.jpgBis zum Morgengrauen feiern, viel Nichtstun und ein bisschen studieren – mit dieser Vorstellung starten viele Abiturienten ins Studium. Die meisten Erstis müssen jedoch schnell feststellen, dass ihr Studentenleben anders aussehen wird. Ohne die Vorlesungen zu besuchen und zu lernen wird es schwer mit guten Noten und einem erfolgreichen Abschluss. Vor allem in der Prüfungszeit heißt es: sich hinsetzen und pauken. Doch manchen Studenten reicht ihre geistige Leistungsfähigkeit nicht aus. Sie können ihren hohen Erwartungen an sich selbst damit nicht gerecht werden, dem Druck nicht standhalten. Sie können es nicht akzeptieren, wenn ihr Kopf raucht und nichts mehr aufnehmen kann. Eine Pause kommt nicht in Frage. Was tun? Der Griff zu Medikamenten, scheint der einzige Ausweg.

Studie über Gehirndoping

Einer von zwanzig Studenten hat schon einmal zu Medikamenten gegriffen, um seine geistige Leistungsfähigkeit zu steigern und damit „Gehirndoping“ betrieben. Das ergab eine Studie unter Leitung des Soziologen Sebastian Sattler der Universität Bielefeld. Mit Unterstützung von Kollegen der Universität Bielefeld, Freiburg, Erfurt und der Bundeswehruniversität München befragte Sattler mehr als 3.000 Studenten und rund 1.000 Lehrende an vier deutschen Universitäten zwischen 2010 und 2011.

Leistungssteigernde Medikamente

Ritalin ist eigentlich ein verschreibungspflichtiges Medikament für die Behandlung von ADHS. Aber auch Studenten greifen zu diesem Mittel, um sich besser und länger konzentrieren zu können. Gehirndoping beschreibt genau diese Art des Medikamentenmissbrauchs: Ein verschreibungspflichtiges Medikament wird ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen, um geistige Fähigkeiten zu steigern und positiv zu beeinflussen. Neben einer verbesserten Konzentrationsfähigkeit erhoffen sich die Studenten eine bessere Gedächtnisleistung und eine verlängerte Aufmerksamkeit. Zudem wollen die Betroffenen durch die Einnahme eine positivere Stimmung erlangen und ihre Motivation erhöhen. Als Gehirndoping wird dieses Doping bezeichnet, weil die eingenommenen Medikamente in die Hirnaktivität eingreifen.

Gründe für den Medikamentenmissbrauch

Ebenso haben die Wissenschaftler untersucht, welche Rolle Prüfungsangst, Nebenwirkungen und moralische Bedenken bei der Einnahme von Medikamenten zur Leistungssteigerung spielen. Bei ihren Untersuchungen haben sie herausgefunden, dass Prüfungsangst die Studenten schneller zu Medikamenten greifen lässt. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen das Bundesministeriums für Gesundheit und die Hochschul-Informations-System GmbH bei einer gemeinsamen Befragung von knapp 8000 Studenten im Jahr 2011. Rund die Hälfte der Studenten hatte wegen Lampenfieber leistungssteigernde Substanzen eingenommen. Ein Drittel erhoffte sich vom Gehirndoping geistige Leistungssteigerung. Ebenso viele Studenten griffen wegen Leistungsdruck zu solchen Mitteln.

Die Soziologen um Sebastian Sattler haben diesbezüglich in einer weiteren Studie folgendes festgestellt: Studenten sind eher bereit Medikamente zur geistigen Leistungssteigerung einzunehmen als Lehrende. Die Bedenken der Lehrenden beim Gehirndoping sind aber geringer als bei Studenten. Zwei Drittel der Studenten lehnen die Einnahme aus moralischen Gründen ab. Beispielsweise lassen sie ihre Finger von den Medikamenten, weil daraus eine unfaire Konkurrenzsituation in der Prüfung entstehen würde.

Trend aus den USA

In den USA ist Gehirndoping schon länger als in Europa üblich. 16 bis 25 Prozent der amerikanischen Studenten greifen zu leistungssteigernden Medikamenten vor Prüfungen. Da die Akzeptanz von dieser Art des Dopings in den Staaten höher ist als in Europa, ist auch die Hemmschwelle kleiner. Zudem hält die Angst vor Nebenwirkungen, wie Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Sucht und Depressionen, viele deutsche Studenten vom Medikamentenmissbrauch ab. Zudem ist es bei uns schwieriger, an die verschreibungspflichtigen Medikamente zu kommen.

Hohes Suchtpotenzial

Anders als beim Doping im Sport verfolgen die Universitäten Gehirndoping nicht und schließen keine Studenten aus, die zu leistungssteigernden Medikamenten greifen. Dennoch sollte sich jeder klar über die Folgen von Gehirndoping sein. Neben heftigen Nebenwirkungen, wie lebensbedrohlichen Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen ist das Suchtpotenzial nicht zu vernachlässigen. Sattler kam bei der Befragung der Studenten, die bereits zu leistungssteigernden Medikamenten gegriffen haben, zu diesem Ergebnis: 40 Prozent haben einmal in den vergangen sechs Monaten Gehirndoping betrieben, ein Viertel der Befragten zweimal, 12 Prozent dreimal und ein Viertel mehr als dreimal.

Literaturempfehlung:

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