Warum bin ich ganz allein? – Einsamkeit beginnt und endet mit uns selbst

Einsamkeit ist nichts, was man sich wünscht. Es ist nichts, was man forciert oder anstrebt. Es ist keine Auszeit, die man sich aussucht. Im Gegensatz zum bewussten Allein- oder „Für-sich-sein“, ist die Einsamkeit etwas durch und durch Negatives. Sie ist eine erzwungene Ruhe, eine Isolation, die uns weder glücklicher noch gelassener macht. Im Gegenteil: Einsamkeit schürt Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit, ja, sogar Verzweiflung! Einsamkeit kann uns psychisch und physisch krank machen. Und dennoch biedern sich manche von uns – ohne es zu wollen – mit ihrem Verhalten und ihrer Wahrnehmung der Einsamkeit geradezu an.

Schleichende Isolation

Einsamkeit passiert nicht einfach so! Wir Menschen wachsen in einem sozialen Umfeld auf: Eltern, Geschwister, Partner, Freunde, Kollegen, Nachbarn … wir haben ständig jemanden um uns! Wenn von heute auf morgen unser soziales Netzwerk zerreißt, dann ist das in aller Regel das Ergebnis einer schleichenden Isolation. Über einen langen Zeitraum haben wir Beziehungen beendet oder Kontakte vernachlässigt, ohne die daraus entstehenden Lücken wieder mit neuen Bekanntschaften zu schließen. Vielen fällt es jahrelang nicht auf, wie nahe sie der Vereinsamung bereits sind, weil ihre wichtigsten Bezugspersonen – wie die Eltern, der Partner oder der beste Freund – eine zuverlässige Konstante sind. Verschwindet diese Konstante dann plötzlich – durch eine Trennung oder einen unerwarteten Todesfall – aus unserem Leben, erkennen wir entsetzt: Ich habe ja gar niemanden mehr!

Lähmende Unsicherheit

Nun könnte manch einer denken: „Okay, dann muss ich eben neue Freundschaften knüpfen, damit ich nicht plötzlich einsam werde!“ Das ist grundsätzlich ein guter Gedanke, aber für viele ist er nicht so einfach realisierbar. Manche Menschen scheuen sich davor Verbindungen zu anderen aufzubauen. Sie sind sich sicher, dass sie keinen guten Eindruck hinterlassen werden. Sie fürchten sich vor einer Ablehnung oder Verurteilung und zwar so sehr, dass dieser Gedanke ihr soziales Verhalten völlig beherrscht. Dabei muss es nicht zwingend eine derartige, negative Erfahrung in ihrer Vergangenheit gegeben haben. Oft sind es ganz persönliche Unsicherheiten und Ängste, die Menschen davon abhalten ihre „Fühler“ nach anderen auszustrecken. Sie haben vielleicht ein Problem damit ihr eigenes Äußeres anzunehmen, fühlen sich „zu hässlich“, „zu dick“ oder „zu klein“. Vielleicht fürchten sie sich davor aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität nicht akzeptiert zu werden. Vielleicht haben sie wegen einer Erkrankung oder Behinderung das Gefühl außen vor zu sein. Vielleicht besteht ein Migrationshintergrund oder eine Sprachbarriere, durch die sie sich der Gemeinschaft nicht zugehörig fühlen. In jedem Fall wird die Bereitschaft auf andere zuzugehen so sehr blockiert, dass diese Menschen in einer Art Schockstarre verharren. Das Problem: Je länger sie die Einsamkeit hinnehmen, desto mehr verkümmern ihre sozialen Fähigkeiten.

Negativität und Egozentrik

Seine sozialen Fähigkeiten zu hegen und zu pflegen ist die ultimative „Waffe“ gegen die Einsamkeit.  Wer sich nicht adäquat mitteilen und auf andere eingehen kann, bleibt leider oft allein. Im Grunde ist es so: Wer sich Freunde wünscht, muss lernen ein guter Freund zu sein – und zwar nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst! Am Anfang steht dabei die Selbstakzeptanz, die einem hilft sich mehr zu wertschätzen und entsprechend auch unabhängiger von den Meinungen anderer zu machen. Wenn man ein positives oder zumindest neutrales Selbstbild entwickeln kann, kann man auch sein Umfeld (im wahrsten Sinne des Wortes) „besser“ wahrnehmen und unvoreingenommener auf andere Menschen zugehen. Bleibt man hingegen pessimistisch, beginnt man zunehmend um sich selbst zu kreisen. „Ich bin nicht gut genug!“, „Für mich interessiert sich sowieso niemand!“,  „Nichts ist so, wie ich es mir wünsche!“, „Keiner mag mich!“ … Solche Gedanken wiederholen sich in den Köpfen einsamer Menschen wie ein trotziges, trauriges Mantra. Das macht einen richtig betroffen, nicht wahr? Man möchte jemanden, der so über sich und sein Leben denkt, erst einmal in den Arm nehmen und trösten. Doch die Realität sieht oft eher so aus: Menschen meiden Menschen, die schon beim ersten Kennenlernen so viel Negativität und Pessimismus ausstrahlen. Und wieder bleiben die Betroffenen genau dort, wo sie bereits angekommen sind: In der Einsamkeit.

Mut und Offenheit

Wie kommt man also raus aus diesem „Einsamkeits-Dilemma“? Wie hört man auf sich selbst und seine sozialen Kontakte zu sabotieren und investiert seine Energie stattdessen in neue und nachhaltige Verbindungen? Der schwierigste Schritt ist sicherlich das Selbstvertrauen aufzubringen, um sich wieder emotional, aber auch ganz konkret physisch, heraus zu wagen. Wichtig ist: Man muss und sollte sich dafür nicht verbiegen! Wer von anderen so akzeptiert werden möchte wie er ist, muss sich zunächst selbst so annehmen wie er ist. Das heißt also auch ehrlich mit sich selbst zu sein, wenn man sich die Frage stellt: „Was könnte ich tun? Was würde mir jetzt Spaß machen?“ Jeder Mensch hat Interessen, Hobbies und Gewohnheiten. Die Kunst liegt darin diese so zu gestalten, dass aus ihnen soziale Aktivitäten werden. Sport ist das Paradebeispiel: Anstatt sich zu Hause auf dem Heimtrainer oder auf der Yoga-Matte zu verausgaben, kann man sich bei einem Kurs im Fitnessstudio anmelden. Wer befürchtet aus der Übung zu sein, findet auch Anfänger- oder sogar Seniorenkurse in diversen Sportarten. Auch etwas völlig Neues – also eine neue Sportart, eine neue Fremdsprache oder ein neues Handwerk – auszuprobieren, kann eine Gelegenheit sein sich selbst und andere neu und ohne Vorbehalte zu entdecken. Selbst eher „einsame“ Tätigkeiten wie Lesen oder Malen können in einem Buchclub oder einem Malkurs in der Gemeinschaft erlebt werden. Es muss nicht gleich um Team- oder Mannschaftsaktivitäten gehen, das liegt für einsame Menschen oft weit außerhalb ihrer Komfortzone. Zunächst reicht es aus, wenn man das, was man tut, gemeinsam mit anderen tut. Das verlangt gerade zu Beginn viel Mut, Überwindung und Anpassungsfähigkeit. Aber: Es lohnt sich!

 

Autor: Heike Edelmann-Lang

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